Text zur Ausstellung "Schnittstelle" Galerie allerArt, Bludenz, 2017

Das Werk als Schnittstelle zwischen Künstler und Betrachter. - Von diesem Gedanken ausgehend wird der Versuch unternommen, zwei Phasen zur Kommunikation zu animieren, wobei im Konzept ohne Belang ist, wie die jeweils andere Seite mit den bereitgestellten Informationen umgeht und wie die Antworten darauf zustande kommen. Gleichzeitig aber wird der betrachtende Mensch von seiner Umgebung, die im strengen Sinne immer reagiert und damit im atomaren Sinn eine Schnittstelle entsteht, visuell an seiner Grenz- und Oberfläche wahrgenommen - eine völlig andere komplexe und dennoch einfachere Schnittstelle entsteht. Aber um zu sehen, musss die Information schließlich ins Gehirn über materielle Schnittstellen.

Für die Beschreibung von Materie und damit einer der elementarsten Schnittstellenkonstruktionen, werden in der Arbeit filigrane Seifenblasen als Objekte der Darstellung gewählt. Eine Reaktion vom Zusammenschließen mehrerer Blasen ist das Verbinden zu jederzeit kleinsten Oberfläche zwischen Punkten und Kanten. Die dabei entstehende Membran der zusammengeschlossenen interagierenden Blasen wölbt sich, je nach Innendruck der Seifenblase, in das jeweilige Gegenüber. In der großen Menge zu Schaum verdichtet, bildet sich dabei eine architektonische Konstruktion mit unzähligen Schnittstellen. Diese Konstruktionen und Schnittstellen sind in ähnlicher Form im Mikro- und Makrokosmos, in den kleinsten (Zellbiologie) bis zu den größten Strukturen des Weltalls (Astrophysik und Kosmologie) wiederzufinden.

Organische Darstellung in der Arbeit betont die nächste Ebene. Interaktionsmöglichkeiten und Schnittstellenkonstruktion werden komplexer zwischen organischen Zellen und schaffen durch diese Zellenkommunikation die Grundvoraussetzung für die Entstehung von komplexeren Organismen. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit der Spezialisierung und der Funktion von allen organischen Funktionsbereichen. Ineressant ist am Rande, dass die Seifenblase bereits in der barocken Kunst wegen Ihrer Schönheit aber auch Flüchtigkeit als endliche Zeitraumdarstellung verwendet wurde und somit auf die Endlichkeit dieser Schnittstelle und des Lebens verweist.

Wie das Werk, dient die dargestellte Schaumkonstruktion aber auch über die mentale Schnittstelle als Platzhalter für eine inhaltsübergreifende Informationsfülle innerhalb des künstlerischen Konzepts. Verschiedene Themenbereiche, die sich in diesem Spektrum befinden, werden auf unterschiedlichen Informationsebenen erschlossen und bieten mannigfaltige Möglichkeiten der Bewegungsrichtungen innerhalb der Arbeit. Es ist das Überschreiten von Grenzen erwünscht - ob durch die variable inhaltliche Interpretationsmöglichkeit und assoziative Betrachtung oder auch durch die Materialität der Malerei.

Auf die Maltechnik bezogen, sind die Abklebungen als Beispiel zu nennen, die innerhalb des Bildträgers Durchblicke auf darunterliegende Malvorgänge bis hin zur weißen Leinwand eröffnen, die gleichzeitig Anspielungen auf Innerkörperliches sind. Der Betrachter kippt an den freigelegten Stellen auch in vergangene, darunterliegende Prozesse im Arbeitsverlauf, die eine Zeitspanne innerhalb der Bildentstehung veranschaulichen.
Auf einigen Bildern wird der Speicherprozess in der Bildmaterialität sichtbar dargestellt. Hierfür wurde fluoreszierendes Pigment verwendet, das die Information Licht in die Dunkelheit überträgt. Das fluoreszierende Material repräsentiert den Prozess des Denkens, der Aktivität im Gehirn. Die fluoreszierende Masse steht für die 100 Billionen neuronalen Schnittstellen im Denkorgan, über die eine Nervenzelle in Kontakt mit einer anderen Zelle steht.

Die Zeichnungen sollen als gleichwertige und vergleichbar motivierte Arbeiten zur Malerei gesehen werden. Plastisch aufgebaut können sie wie ein körperlich erfassbarer Bauplan der innerkörperlichen Emotionen verstanden werden und geben dem Konzept der Interpretationsvielfalt auf Basis der Idee der Schnittstelle in der Darstellung und der freien mentalen Verbindung weiter Raum.


Susanne Kircher-Liner, März 2017





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